Wie groß sollte ein Balkonkraftwerk eigentlich sein, wenn auf dem Balkon noch Platz für ein zweites Modul wäre? Genau an diesem Punkt wird es oft unnötig kompliziert. Beim Kauf begegnen einem 800-Watt-Anlagen, Sets mit 900 oder 1000 Watt Modulleistung und manchmal deutlich größere Pakete. Wer dabei nur auf die größte Zahl im Produktnamen schaut, verwechselt schnell zwei Dinge, die bei einem Balkonkraftwerk getrennt betrachtet werden müssen: die Leistung der Solarmodule und die Leistung, die der Wechselrichter tatsächlich ins Hausnetz abgeben kann.
800 Watt bedeutet nicht automatisch 800 Watt Solarmodule
Bei steckerfertigen Solaranlagen ist für mich zuerst der Wechselrichter interessant. In Deutschland liegt die relevante Grenze für die vereinfachten Regeln bei einer Wechselrichterleistung von 800 VA. Die angeschlossenen Module dürfen zusammen eine höhere Spitzenleistung besitzen. Genau deshalb findet man beispielsweise Sets mit zwei Modulen zu jeweils 450 Watt, obwohl der Wechselrichter maximal 800 Watt abgibt.
Das ist kein technischer Widerspruch. Module erreichen ihre angegebene Nennleistung nur unter bestimmten Bedingungen. Im Alltag stehen sie vielleicht nicht exakt nach Süden, werden warm, bekommen morgens Schatten vom Nachbarbalkon oder arbeiten im Winter bei flachem Sonnenstand. Etwas mehr Modulleistung kann deshalb sogar sinnvoll sein: Der Wechselrichter erreicht seine mögliche Ausgangsleistung häufiger und die Anlage produziert bei weniger perfekten Bedingungen mehr Strom.
Warum ein größerer Generator nicht automatisch mehr Einspeisung bedeutet
Ein Beispiel macht den Unterschied greifbarer. Zwei Module mit zusammen 900 Watt Peak können an einem passenden 800-VA-Wechselrichter betrieben werden. Liefern die Module an einem sonnigen Mittag theoretisch mehr, begrenzt der Wechselrichter seine AC-Ausgangsleistung. An einem bewölkten Vormittag kann die größere Modulfläche dagegen helfen, überhaupt näher an eine brauchbare Leistung heranzukommen.
Ich würde deshalb nie allein anhand der Wattzahl entscheiden. Ein Balkon mit Südwest-Ausrichtung verhält sich anders als eine senkrechte Montage an einem Ostbalkon. Auch ein Geländer, das ab 16 Uhr vom Nachbargebäude verschattet wird, verändert die Rechnung erheblich. Die reale Ausrichtung und Verschattung sind oft wichtiger als zusätzliche 50 Watt auf dem Datenblatt.
Wo die gesetzlichen Grenzen ins Spiel kommen
Seit den Änderungen durch das Solarpaket I ist die Situation für Steckersolargeräte deutlich übersichtlicher geworden. Für die vereinfachte Behandlung sind insbesondere die Grenzen von 800 VA Wechselrichterleistung und 2.000 Watt installierter Modulleistung relevant. Wer innerhalb dieses Rahmens bleibt, bewegt sich in dem Bereich, für den die vereinfachten Vorgaben für Steckersolargeräte gedacht sind.
Damit hängt unmittelbar die organisatorische Seite zusammen. Die Frage nach der zulässigen Leistung lässt sich kaum vollständig von den Meldepflichten trennen. Wer gerade plant, welche Anlage angeschafft werden soll, sollte deshalb auch klären, wo ein Balkonkraftwerk angemeldet werden muss. Das erspart später die typische Situation, dass die Module bereits montiert sind und erst danach nach Registrierung, Zähler und Formalitäten gesucht wird.
Bei der Auswahl schaue ich auf mehr als die Maximalleistung
Bei fertigen Sets prüfe ich einige Angaben genauer, weil große Wattzahlen auf Produktseiten erstaunlich wenig über die Alltagstauglichkeit verraten:
- Welche maximale AC-Leistung besitzt der Wechselrichter?
- Wie hoch ist die gesamte Modulleistung in Watt Peak?
- Passen Spannung und Stromstärke der Module zum Eingangsbereich des Wechselrichters?
- Wie werden die Module ausgerichtet und wann fällt Schatten darauf?
- Ist die Befestigung tatsächlich für Geländer, Wand oder Flachdach vorgesehen?
Gerade den dritten Punkt würde ich nicht übergehen. Zwei Komponenten lassen sich nicht allein deshalb sinnvoll kombinieren, weil ihre Wattzahlen ungefähr zusammenpassen. Spannungsbereich, maximaler Eingangsstrom und die zulässige Eingangsleistung des Wechselrichters gehören ebenfalls zur technischen Prüfung.
Mehr Modulleistung kann sinnvoll sein – aber nicht um jeden Preis
Bei einem Balkon mit begrenzter Fläche würde ich eher zwei vernünftig platzierte, leistungsfähige Module wählen als zusätzliche Module irgendwie zwischen Geländer, Wand und Markise zu quetschen. Ein teilweise verschattetes Modul kann den erwarteten Mehrertrag deutlich relativieren. Außerdem bedeutet jedes zusätzliche Modul mehr Gewicht, größere Windangriffsfläche und mehr Aufwand bei der sicheren Montage.
Interessant wird eine höhere Modulleistung vor allem dann, wenn die Bedingungen nicht ideal sind. Bei Ost-West-Ausrichtung entstehen die Leistungsspitzen beispielsweise zu unterschiedlichen Tageszeiten. Der Wechselrichter läuft dadurch möglicherweise länger in einem produktiven Bereich, ohne ständig an seiner Leistungsgrenze zu arbeiten. Ein größerer Solargenerator ist also nicht dasselbe wie ein stärker einspeisendes Balkonkraftwerk.
Die passende Größe erkennt man nicht am größten Karton
Beim Balkonkraftwerk ist die Versuchung groß, einfach das Set mit der höchsten beworbenen Wattzahl zu bestellen. Sinnvoller finde ich die umgekehrte Reihenfolge: erst den verfügbaren Platz, die Himmelsrichtung, mögliche Schatten und die Befestigung ansehen, danach Module und Wechselrichter auswählen.
Am Ende soll die Anlage schließlich nicht auf dem Datenblatt beeindrucken, sondern morgens, mittags und am späten Nachmittag möglichst oft Strom liefern, den der Haushalt direkt gebrauchen kann. Genau daran würde ich die Größe eines Balkonkraftwerks messen – nicht daran, welche Zahl auf der Verpackung am größten gedruckt wurde.
